Beziehungsratgeber #1: Rebound-Mädchen in der zweiten Verteilungsrunde

Erwachsene. Trennen sich häufig. Kinder sind schon groß. Arbeitshamsterrad durchlaufen. Plötzlich allein in der neuen Wohnung, er, der Mann. Was tut er jetzt? Hefezöpfe für die Kollegen backen. Die Tochter alle zwei Wochenenden und mittwochs. Zusammen schwimmen, Hausaufgaben machen. Neuer Kontakt. Neue Selbstfindung. Die Ex-Partnerin / der Ex-Partner noch verwachsen, noch im Leben. Vielleicht mit 19 kennengelernt, geheiratet, 27 Jahre Beziehung, nie mit jemand anderem geschlafen. Vielleicht so zum Beispiel.

Und nun: befindest du dich auf diesem Markt: zweite Verteilungsrunde. Wir, die Elternteile, allein, im Begriff sich neu zusammen zu würfeln.

Lebensabgleich: wie lebst du so? Oha, so also. Einblicke in Welten, die nicht die eigenen sind. Gefaltete, nach Farben sortierte Hemden: er, Abteilungsleiter. Struktur. Ich: Lebenskunst, Chaos.

So also. Und dann irgendwie: Kontaktversuche. Vorsichtiges Tasten. Nicht einfach Geschlechtsverkehr: Forschung. Erforschung anderer Leben, anderer Privatsphären. Geschäftsreise China gegen Wohngemeinschaft und Weißwein. Abtasten.

Was bin ich hier? Rebound-Girl. Er, steht im Leben, wie man so sagen würde. Ich, ein wandelndes Desaster, zumindest doch wenn man misst an farblich geordneter, gefalteter, gebügelter Kleidung. Ich besitze noch nicht mal ein Bügeleisen. Was tust du auf meinem Balkon? Was, nach einer Wanderung durch Wald und Regen, durch gemeinsam erlebtes Gewitter. Du warst nass, ich gab dir einen Pulli meines Vaters. Du lachst wie er.

Ich: deine Übungsfläche für einen “gestandenen Mann”, der plötzlich wieder 16 Jahre alt ist: Annäherungen. Aber wie soll ich in deinem Leben je vorkommen. Morgen früh werde ich ausschlafen und dann vielleicht ein bisschen aufräumen, ein bisschen Doktorarbeitsvorbereitungen treffen. Du Bosch, ich Stipendiat von Bosch’scher Stiftung. Du, Sugar Daddy. Ich: dein Abenteuer. Wir: dennoch menschlicher Kontakt. In die Seele sehen, neben des Schauens in diese unendlich voneinander entfernten Universen. Deine Bekannten: bauen sich in ihren individualisierten Rohbau ein Orgelzimmer im Ostflügel ein; meine Bekannten: bauen sich ab und an MDMA ein.

Wenn du gehst, um in fünf Stunden im Büro zu sitzen, rauche ich meine heimliche Zigarette und denke: wie soll ich in deinem Leben jemals Platz finden? Du in meinem? Phantasien von Geschlechtsverkehr. Liebe. Ich werde deine Erinnerung daran sein, wie es damals war, als du frisch getrennt warst. Wo du da landetest. Ein Schreckgespenst. Eine Art Absturz. Eine Art Realitätskontakt aber auch. Dein Vater: baute in Rente Oliven und Orangen an, bohrte sich von Hand einen Brunnen als Bewässerungsanlagenquelle in seine Felder; mein Vater: ist Enkel einer Prostituierten, bohrte sich durch vier verschiedene Nahbeziehungen und lebte zwischendurch bei seiner Mutter. Und das ist nun mal die Familie, die wir unveränderlich hatten.

Zweite Verteilungsrunde. Vorgefertigte, so sich selbst irgendwie hineingelebte Lebensentwürfe und unbeeinflussbare Ausgangsbedingungen: Kompatibilitätsprüfungen. Sprünge und Wagnisse. Während du in deinem autonomen Auto in deine Einliegerwohnung fährst, tröpfele ich mir die letzten Tropfen Wein aus der Flasche in den Mund. Und denke an dich. Wie du riechst. Wie du schaust. Wie du deine Hemden bügelst. Was denkst du, wenn du an mich denkst?

 

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