Einen sicheren Ort finden. Mama, wo bist du?

 

Auf der Suche: wo bist du sicher?

Nicht mehr in der Therapie. Die Therapeutin, sei es aus menschlichen Gründen, sei es aus strategisch therapeutischen, greift dich an. Letzte Stunde sagte sie, das gehe so nicht. Sie müsse hier jetzt einen elterlichen Move machen und mir sagen: so könne ich nicht sein. “Beleidigt”. Wie kamen wir da hin? Denn du selber hast nicht das Gefühl, beleidigt zu sein, sondern auf Rückzug. Verletzt und misstrauisch. Dann immer lieber schneller selbst raus und kalt werden, bevor es der andere tut. Oder eben die Situation verunmöglichen und zerstören, bevor sich herausstellt, dass sie doch nicht so warm war, wie vermutet – muss ein Riesenspaß sein, mit mir befreundet zu sein. Moment: deshalb hast du eben keine echten Freunde.

Wieso also dachte sie, ich sei beleidigt? Weil ich in der Stunde vorher vergessen hatte, dass diese stattfindet. Rechtfertigend hatte ich nur anzubieten, dass meine Oma verstorben war am Abend zuvor und ich lange mit dem Vater am Telefon wach war, nach 3 Stunden Schlaf meine Kinder zur Schule gebracht hatte und dann erschöpft ins Bett fiel und das Gefühl hatte, endlich schlafen zu können. Als die Therapeutin also anrief, war ich gerade eingeschlummert. Klingeln: sie ruft an. “Hallo Frau Name” “Was ist mit Ihnen?” “Ich hab Sie vergessen” “Ja, dann muss ich ja die Stunde anrechnen. Oder kommen Sie noch?” “Ja, bin in zehn Minuten da.”

Dann konnte ich ihr gar nicht viel sagen. Nur, dass die Oma tot ist. Kein Narrativ erzählen, keine Interpretationen, keine Gesprächstherapie machen jedenfalls. Also entschlossen wir, irgendwie gemeinsam, obwohl ich schon sehr viel später gekommen war, auch früher aufzuhören. Gemeinsam? Unklar. Fünf Minuten vor Ende – und normalerweise überzieht sie grundsätzlich zehn Minuten – wofür man auch zehn Minuten auf seinen Termin wartet – machte sie Verabschiedungsgesten, verschob sich die Atmosphäre darauf hin, vereinbarte sie den nächsten Termin mit mir und ich sagte: “Oh, wir hören also auch früher auf.” Und stand auf. Und ging. Und sagte im Gehen: “Entschuldigung, dass ich Sie vergessen habe”. Und meinte es so. Auch wenn es ihr ja egal sein kann und es mein eigener Fehler an mir ist, wenn ich meine Therapie vergesse. Aber dennoch: auch an sie, denn sie ist ein Mensch und Menschen lässt man nicht warten. Seien sie Dienstleister oder nicht. Und auch jenseits davon, was das Vergessen der Therapie innerhalb des therapeutischen Kontextes bedeutet, gibt es also einen menschlichen Grund, sich zu entschuldigen. Und das tat ich.

In der nächsten Woche fragte sie mich nach der Beerdigung. Ich sagte: Es war okay. Traurig und schön. Dass ich noch nicht darüber reden möchte, sondern es erst mal im Herz behalten. War das eine Beleidigung? Denn dann kam der Angriff: Dass ich so nicht sein könne. Dass meine narzisstische Kränkung unangebracht sei. Dass sie merke, an der Art wie ich letzte Woche abgerauscht sei und wie ich heute hereingekommen sei, dass ich beleidigt sei. Dass sie einen einzigen Patienten gehabt habe, den sie abgelehnt habe. Dass sie gerade hiermit nicht versuche, die Therapie zu beenden. Dass sie die elterliche Bewegung machen müsse, gezwungen sei, mir zu sagen, dass es so nicht gehe; dass sie es so nicht wolle.

Buff. Was? Ich höre nur Alarm: Soll ich aufstehen und gehen? Ich höre: eine Drohung. Ich sage: “Was machen Sie da? Ich höre eine implizite Drohung.” Ich höre: Angriff und die Drohung, verlassen zu werden. Ich höre: Ungerechtigkeit. Was hab ich getan? Ich suche in mir nach Schuld. Was habe ich falsch gemacht? Ich habe den Ordner nicht mitgebracht. Ich habe den Ordner am Morgen nicht gefunden. Ich versuche, einzulenken: Ich weiß, ich habe den Ordner nicht dabei. Rechtfertigung: der Sohn war noch bis großen Pause zu Hause, weil wir über die Beerdigung gesprochen haben, weil wir ausgeschlafen haben. Versuch, zu relativieren: Ja, aber ich hätte selbstverständlich schon am Montag antizipieren können, dass ich den Ordner schon vorbereiten sollte, also schon mal suchen sollte, um ihn am Mittwoch bereit zu haben. Denn ich wusste ja schon am Montag, dass ich nicht mehr weiß, wo ich diesen verdammten Ordner hingeräumt habe. Aus verschiedenen Gründen.

Also ja. Dies ist die Schuld: ich versuche Therapiesabotage scheinbar. Das Gefühl ist: sie, die Therapeutin zu bestrafen, weil sie unprofessionell und immer zu spät ist. In der Stunde vorher 20 Minuten zu spät. “Das müssen Sie verstehen, da war ein Todesfall vorher.” Und ich sagte: Ja, das hab ich auch zu bieten. Fast. Denn da war die Oma noch lebendig. Aber in der nächsten Stunde nicht mehr. Und da hörten wir früher auf. Und das ist aber noch nicht die Kränkung. Und auch noch nicht, wofür ich sie zu bestrafen gedenke, scheinbar. Ich bestrafe sie dafür, dass sie mir von anderen Patienten erzählt. Dass sie in den Stunden bereits zwei Mal geweint hat. Dass sie mir von ihrem Privatleben erzählt. Von ihrem schizophrenen Exmann. Dass sie immer zu spät ist. Dass sie aber erwartet, dass man trotzdem fünf Minuten vor der Zeit da ist. Dass sie erwartet, man wisse von selbst, wann ein neues Quartal anfängt. “Haben Sie die Karte dabei?” Nein, weil ich die nicht immer mit mir herum trage und weil ich nicht immer weiß, wann ein neues Quartal anfängt. Da wird sie streng und mütterlich, wahrscheinlich, ihrer Wahrnehmung nach, angelehnt und orientiert daran, dass wir schon zu Beginn einen Reparenting-Vertrag ausgehandelt hatten.

Ist das alles? Hatte ich noch nie eine Mutter und rebelliere jetzt erst gegen eine solche? Grenzsetzungen? Aber das sind doch willkürliche und ungerechtfertigte Grenzsetzungen. Versucht dein Kopf zu sagen. Dazu hat sie gar kein Recht. Denn sie ist eben nicht deine Mutter. Trotzdem tust du, was du auch bei deiner Mutter tun würdest: Rückzug. Raus. Gefühle einpacken und verstecken.

Abwertung. Denn das heißt das ja: Ich gedenke sie zu bestrafen. Für dies und jenes. Dies und jenes sind alle objektiv erfassbaren Gründe, warum sie schlecht ist. Und das ist ja Abwertung. Oder? Und sie sagte: Der Patient, den sie abgelehnt habe, sei Narzisst gewesen und habe sie jede Stunde so abgewertet, dass sie schon Tage vorher Herzklopfen gehabt habe und dann entschieden habe, keine Therapie mit ihm durchführen zu wollen. Und ich sei also so?

Sie habe Mitleid mit seiner Einsamkeit gehabt, aber auch sagen müssen: So geht es nicht. Nicht nur zum Eigenschutz, sondern für das Leben desjenigen. Dass das ja so nicht gut gehen könne. Dass man, wenn man sich so verhalte, eben einsam bliebe. Und so sei das mit mir eben auch. Und da müsse sie nun eingreifen und mir das sagen.

Und ich weiß immer noch nicht: muss ich mir diesen Schuh anziehen? Von dieser Frau anziehen lassen? Und ich fühle immernoch nur: Angriff. Sie will dich zerstören. Sie will dich schuldig machen und dann verlassen. Verbiege dich entweder in ihre Wahrnehmung hinein und verliere oder kämpfe. Und ich kämpfe. Und sie sagt: das gehe so nicht. Und ich sage: ich könne aber kein Schuldeingeständnis machen, ohne dass sie auch eines mache. Aber sie sagt: dass ich so beleidigt abgerauscht sei und so kalt hereingekommen, sei überhaupt nicht vergleichbar damit, dass sie oft zu spät sei.

Und dann komm ich nicht weiter. Denn das ist es eben doch. Denn da stimmt ja gar nichts in dieser Rechnung. Denn ich erinnere mich an das beleidigte Abrauschen nicht so, wie sie. Ich erinnere mich daran, dass ich verletzt war, wo sie mir lediglich narzisstische Kränkung zurechnet. Verletzt und zurückgewiesen und dennoch in der Lage, mich zu entschuldigen. Dass dies überhaupt nicht bei ihr ankommt. Meine Mühe also. Offene Momente. Dass sie die dann auch nicht verdient (und jetzt bin ich erst beleidigt, siehstu?). Dass mein “Zumachen” schlimmer zu bewerten sei, als ihre Unprofessionalität, ihr Zuspätsein und ihr Erzählen von – auch privaten und sicher unter Schweigepflicht fallenden – Situationen anderer Patienten und das dadurch resultierende In-Konkurrenz-Setzen mit anderen Patienten, das kann ich nicht einsehen.

Und was bleibt? Einsehen kann ich, dass ich die Schiene der Abwertungslogik fahre. Dass ich, bevor ich mir das Schuldkostüm anziehe, zunächst aushandeln muss, dass dies nicht globale Schuld bedeutet. Dass ich Schuld nicht annehmen kann also. Meine. Dass ich Menschen irritiere und zurückstoße, wenn ich eigentlich dringend Wärme bräuchte.

Und das bleibt dann hängen auch: dass ich merke, dass ich meinen Gefühlen aus dem Weg gehe. Dass der Tod und die Beerdigung und vor allem aber das neue Kind des Vaters meiner Kinder mir sehr starke Gefühle macht, die ich noch nicht fühlen kann. Dass ich zu der Trauer über die tote Oma gefunden habe. Dass aber alle Gefühle dieser neuen Familiensituation gegenüber noch überhaupt nicht zu fühlen sind für mich. Dass der ganze Menschenhass und eigentlich der Wunsch, er, der Vater der Kinder und seine neue Freundin und deren neues Kind einfach weg seien, also tot, also daher kommt, dass damit nun endlich und unwiderbringlich der sichere Ort gestorben ist, den ich einst mit ihm hatte. Unsere Sphäre. Unsere Familie. Mein Zu Hause.

Und das ist traurig.

Und dass es also gar nicht in erster Linie um Machtkämpfe geht, obwohl es sich so anfühlt: in der Therapie, in allen meinen sozialen Nahkontakten, dass es darum nicht geht, sondern darum, zu den Gefühlen zu finden. Die tief in mir vergraben sind und denen ich aus dem Weg gehe. Und für die ich glaube, erst einen sicheren Ort zu brauchen, um sie fühlen zu können.

Aber ich finde diesen Ort nicht. Nicht in Freundschaft, nicht in Familie, nicht in Therapie, nicht in mir. Ich habe keinen sicheren Ort. Und weil ich keinen sicheren Ort in mir trage, stürze ich mich in seltsame Beziehungen, habe ich zu früh eine Familie gegründet. Im Versuch ein eigenes Zuhause aufzubauen. Das auch oft funktionierte. Dysfunktional funktionierte. Das zu großem Teil am Vater der Kinder mit hing. Das jetzt gescheitert ist. Ein Zuhause war, ein Mensch war, mit dem ich gedachte, mein Leben zu teilen und meine Gefühle, meinen Stolz über unsere Kinder und meine Liebe. Der nun ein neues Zuhause gegründet hat. Und ich wie freie Radikale falle: mich zu binden versuche, einen Halt suche und ein Heim. Und nichts finde. Nicht in mir. Nicht in der Therapie. Nicht in meiner Familie. Nicht im Essanfall, nicht im Alkohol, nicht im Geschlechtsverkehr, nicht im manischen, dissoziativ verschobenen “Verlieben”.

Mit wem kann ich reden? Wie geht das? Wo seid ihr?

Ich fürchte mich vor euch.

Jemand sagte zu mir: “Ich halte dich solange fest, bis du dich beruhigt hast.” Und ich habe mich sofort verliebt. In was? In die Funktion, die den Mangel meinerselbst behebt.

Sag mir nicht: “Ich gehe, wenn du um dich schlägst.” Sag mir, du bleibst.

Wer?

Du selbst.

Halte dich, sei dein eigener Widerstand. Geh nicht, wenn du um dich schlägst. Verlass dich nicht. Lauf dir nicht davon. Bleib bei dir. Sei zwei. Sei einer davon nicht betäubt. Sei nicht zwei. Sei einer, der sich nicht selbst davon rennt. Geh dir nicht aus dem Weg. Halte dich. Schlag um dich. Geh unter. Ertrinke und spucke Wasser. Dann tauch wieder auf.

Verlass nie deine Kinder. Halte sie, wenn sie um sich schlagen. Nimm dich selbst an, wie ein Kind. Sei deine eigene Mutter. Du bekommst in diesem Leben keine mehr. Hör auf, sie zu suchen.

 

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