Aufgebracht: Schubladen aufgemacht. Leider Mensch, statt Maschine. Buntes Rauschen.

 

Ich bin sehr leicht aufzubringen. Mein Aufregungslevel steigt ganz schnell. Und ich vergesse manchmal, dass es auch schnell wieder sinkt. Dass ich nur abwarten muss und zumindest für die erste Stunde im Aufregungszustand nicht handeln sollte. Ich frage mich, wieso das so ist.

Es gibt Menschen und das ist vor allem der Vater der Kinder, die mich innerhalb von Sekunden hilflos überschäumen lassen. Er hatte das einmal sozial vorgeführt mit den Worten: “Sieh mal, es ist ganz lustig, man kann bei ihr so Knöpfe drücken und dann geht sie hoch, wie eine Atombombe.” Absurdes Szenario, in dem die ganze Dysfunktionalität dieser “Familie” sich ausdrückt: Denn diesen Satz sagte er seiner neuen Freundin, nach unserer Trennung bei einem gemeinsamem Grillnachmittag, der dazu gedacht war, Frieden zu stiften. Und das Anspannungslevel ging hoch, wie eine Atombombe und seine Freundin wunderte sich nicht über dieses seltsame Experiment und ich stand nicht auf und ging, wie es angebracht gewesen wäre. Ich sagte nicht so etwas wie “Findest du das witzig?”, sondern versuchte, nicht darauf zu reagieren. Die Atombombe zu ignorieren. Umgänglich und freundlich zu bleiben, während er mein mehr schlecht als recht von unterdrückter Wut verzerrtes Gesicht genoß. Ich ordnete mich unter und der unangenehme Nachmittag endete in einer Wasserschlacht.

Und er hatte eine weitere Runde gewonnen.

Jetzt ist das fast drei Jahre her und es funktioniert trotzdem noch. Der Sohn rutscht im Freibad aus und schlägt sich den Fuß an. Sein Zeh schmerzt und schwillt auf doppelte Größe. Ich will am nächsten Tag mit ihm zu Arzt, der Sohn ist aber beim Vater und der Vater wird aggressiv: wie ich eigentlich darauf komme, das sei ja völliger Blödsinn, Zehen würden ohnehin nicht behandelt, gebrochen oder nicht und auf eine Meinung von einem Arzt, ob der fußballbegeisterte Sohn das nächste Turnier spielen könne, könne er ohnehin verzichten. Auf den Hinweis des vergriffenen Tones und mein Bestehen darauf, zum Arzt zu gehen, sagt er, der Ton sei völlig gerechtfertigt, weil ich mit meinem Hypochondertum dem Kind sehr schade, aber ich solle machen, was ich nicht lassen kann, wenn mir nichts besseres einfiele, als mich mit meinem Kind über Verletzung und Arztbesuch zu verbinden.

Und da ist sie: die Atombombe. Hilflos, angegriffen, getriggert, wütend, im Versuch begriffen, mich zu rechtfertigen oder einen Gegenangriff zu starten. Ich fange verschiedene Nachrichten an und lösche sie. Ich ärgere mich darüber, dass das etwas mit mir macht. Dass er immer noch die Knöpfe so drücken kann, wie er Lust hat. Wie wütend ich darüber bin, dass ich mir Mühe um zivilisierten Umgang gebe und er sich erlaubt, wozu er Lust hat.

In meinem Kopf verwirrt sich alles: die Sorge darüber, ob er Recht hat – denn natürlich ist das Hypochondertum nicht völlig aus der Luft gegriffen, sondern der Drang nach schneller Kategorisierung von körperlichen oder geistigen Zuständen in mir durchaus vorhanden und der Umgang mit Krankheiten in meiner Familie ein starkes Reizthema. (Meine Mutter glaubte nicht ans Impfen, aber an Heilpraktiker, war “heillos” überfordert, wenn ich wirklich krank war und ließ mich für ihre Panikattacken, bei denen sie dachte, sie stirbt, ab und an den Krankenwagen rufen. Später kopierte ich die Angstanfälle, weil ich noch nicht gelernt hatte, mit bestimmten Gefühlen anders umzugehen, als von ihr vorgelebt.)

Es verwirrt sich weiter: das Gefühl von diesem Menschen unmenschlich behandelt zu werden. Und dann weiß ich nicht mehr: Wer hat eigentlich recht? Er oder ich? Und die komplizierte Aufdröselungsarbeit beginnt. Warum wer was sagt und welche Rechtfertigung und welche Motivation was hat. Und das große “Ich bin, was immer du sagst ich bin, denn warum würdest du sonst sagen, ich bins?” Und dann ein großes – nicht unhypochondrisches – Verwirrspiel. “Hypochondrie” und Suche nach Wahrheit sind da dann eins. Und so geht das:

  1. Er geht so mit dir um, weil er narzisstisch gestört ist. Wahrscheinlich hat er einen schlechten Tag und lässt es an dir aus. Und er ging schon immer schlecht mit dir um, ist das erfunden? Nein, das ist so. Das redest du dir nicht ein. Als du schwanger warst, hat er mit anderen Frauen geschlafen (und auch danach), als du ihn batest, das zu lassen, sagte er “Ok” und machte weiter. Du saßst in Vorlesungen, in denen dich und deinen großen Bauch ein paar dieser Frauen mitleidig ansahen. Er hat mit deiner besten Freundin geschlafen. Er hat deine Kinder in seiner späteren Junggesellen-WG mit von Parties heimkehrenden Koksern frühstücken lassen, statt aus dem Bett aufzustehen. Er ist stolz darauf, in seiner Pubertät mit Schulfreunden einen James Bond Film angeschaut zu haben, bei dessen Vorspann er masturbierte, und am nächsten Schultag als Präventivschlag herumerzählt zu haben, ein anderer Freund habe dies getan. Stolz darauf, die Geschichte so gut verkauft zu haben, dass dieser Vorfall noch in den Abi-Zeitungskommentaren des unschuldigen Freundes erwähnt wurde und sein eigenes Narrativ gewonnen hatte, noch nach Jahren. Lass sein Narrativ nicht nach Jahren gegen dich gewinnen.
  2. Die Situation ist so, weil du narzisstisch gestört bist oder emotional instabil oder, wahrscheinlich, beides in einem. Moment, Achtung! Das ist doch schon wieder vorschnelle Hypochondrie? Zweifel rechts, Zweifel links: Suche nach Wahrheit. Lass die Fakten selbst sich erzählen, zieh ihnen noch keine Geschichte an. Lege sie noch nicht in interpretative Ketten, bleib dabei, was ist. Du bist leicht zu kränken und handelst impulsiv. Du kannst bei Kränkungen und Zurückweisungen nicht klar denken. Du wertest andere ab, um dich selbst nicht zu sehen. Wenn du dir Schuld eingestehst, hast du das Gefühl, vernichtend geschlagen zu werden und den Tod verdient zu haben. Du schließt Sinnzusammenhänge manchmal, wo keine sind, ziehst voreilige Schlüsse, hälst deine Interpretationen von Welt für wahr. Du hast spekulative Gedanken, die sich oft als korrekt herausstellen, aber du hast dich auch schon getäuscht.
  3. Synthese: Es kann sein, dass beides wahr ist. Er und du. Ihr könnt beide so sein. Denk bis zum Ende. Wenn du vorher aufhörst, wird es ungenau. Es kann sein, dass du auf den Zeh überreagierst und es kann trotzdem auch sein, dass er unschöne kommunikative Strategien anwendet.
  4. Fazit: Bleib ruhig. Oder reg dich auf, aber handle nicht. Denk weiter. Mach noch nichts. Schreibe, aber schreibe neutral. Ohne Wut, ohne Rechtfertigung, ohne einen Witz. Schreibe neutral. Bleibe neutral. Oder werde es wieder. Schau dir die tausend Abzweigungen an, die dein Kopf dir bietet: wähle aber keine der Wege. Gehe, denke und fühle weiter geradeaus.

Langsam beruhigt sich alles. Und die Frage bleibt: Was ist das bedrohliche an diesen Situationen? Du vergleichst die Situation mit neulich: da hast du ein Tier in der Küche gefunden, das für dich wie eine deutsche Küchenschabe aussah und noch so eines auf dem Balkon. Du hast dem Vermieter eine Mängelanzeige geschrieben und verlangt, dass er einen Schädlingsbekämpfer schickt. Stattdessen kam der Vermieter unangekündigt am nächsten Morgen ins Haus, klingelte und wollte in deine Wohnung. Du hast ihn reingelassen. Er schaute das Tier an, meinte: nee, Schaben sind drei Mal so groß und ausserdem, Sie müssen putzen und ausserdem, Schaben entwickeln sich nur da, wo jemand schmutzig ist und “ich kenne das aus Studentenzeiten, wenn man da ein Müsli stehenlässt, dann entwickeln sich da halt so Tiere” und so weiter. Also gleichzeitig: es ist keine, aber wenn doch, dann wegen Ihnen.

Und nach diesem Gespräch und Überfall warst du zwei Stunden lang aufgebracht. Wütend auf dich selbst, weil du nicht schlagfertig genug warst, wütend darauf, dass du deine Privatsphäre nicht verteidigt hast und auch nicht deine Ehre. Ängstlich auch, weil dieser Mensch einfach so auftauchen und dich verurteilen kann und du dich nicht wehren kannst. So fühlte sich das an. Und weil er unlogisch argumentierte. Und das hat dich stundenlang beschäftigt. Er meinte: weil das keine sind, weil Schaben ja viel größer und dunkler sein müssen, deshalb braucht man auch keinen Schädlingsbekämpfer. Und du sagtest, du kennst den Unterschied zwischen deutschen Küchenschaben und einer amerikanischen Großschabe. Und du möchtest die Tiere identifizieren lassen. Und dann könne man weiterstreiten.

Und nun hast du diese Tiere identifiziert. Es sind Bernstein-Waldschaben. Und die sehen den deutschen Küchenschaben zum Verwechseln ähnlich, sind aber keine Schädlinge. Also warst du nicht ganz unangemessen panisch. Aber auch nicht angemessen.

Und so ist das vielleicht mit allen Sachen. Und die Frage ist dann: wie schaffst du es, dich nicht so aufregen zu lassen. Wie lernst du, in Ruhe nachzudenken und zu handeln?

Und warum regst du dich so auf? Ist das immer aus einer narzisstischen Kränkung heraus? Oder weil du unregulierte, unangemessene Reaktionen auf bestimmte Trigger hast? Oder weil du übersensibel bist, Falschaussagen und widersprüchliche Logik dich aus der Fassung bringen, du Ungenauigkeiten und Ungesichertes nicht gut ertragen kannst? Oder weil du einfach gerne genau hinsiehst, Hypothesen erarbeitest und dann  bis zum Ende überprüfst? Ob du also Narzisst, Boderliner, hochsensibler Autist oder empirischer Wissenschaftler bist. Aber sieh dir doch mal bei diesem Denken zu: wenn das nicht hypochondrisch ist, was?

Aufräumen im Kopf: alles bekommt seine Schublade. Manches passt auch in zwei oder drei verschiedene. Manches muss man entsorgen. Das, was nirgends gesichert passt und auch nicht weg kann, kommt in die Mitte auf einen großen Haufen zur späteren Einordnung. Aber wenn der Haufen zu groß wird und die restlichen Denkvorgänge dadurch behindert werden, kommt es eben in die nächstgelegene Schublade. Provisorisch. Bis man es überprüfen kann. Und so lange ziehst du dir eben dieses Handlungskostüm an, das die Einordnung in diese Schublade dir vorgibt.

So weißt du zumindest, was zu tun ist. Auch wenn es manchmal das Falsche ist. Irren ist ja menschlich. Und vielleicht bist du auch einfach nur das: Mensch.

Mensch: ein Tier, das ordnet. Was siehst du?

 

 

 

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