Bier, Zigaretten und eine Stimme aus der Ferne

 

3 ist die Zahl der Biere. Unerlaubt viele seit langer Zeit die der Zigaretten.

Der Bahnansager spricht in der Ferne und murmelt mir Noise ins Gehirn.

Was ist passiert?

Vorbei gingen der scheinbare Tod einer Oma, die dann doch aber im Krankenhaus aufblühte, weil sie eben nicht im schrägen Heim von der Tochter mit den toten Meerschweinchen und deren Mann mit Panzer- und Weltkriegsammlung im Keller “gepflegt” wurde, das Gespräch mit dem Vater, in dem ich “ich” war – und in dessen Anschluss ich mit 33 Jahren zum ersten Mal mit ihm, dem Vater, im Supermarkt war – eine Abschlussprüfung mit Zeugnis, die Information über das neue Kind des Vaters meiner Kinder.

Vorbei ging die erste Migräneattacke seit 8 Jahren, das Überwerfen mit gutem Freund, viel Misanthropie und Abgrund, die Erkenntnis, dass.

Dass? Diese ging doch nicht vorbei. Dass auch ich so bin, wie die Menschen, die ich ankreide. Der unheimliche Blick ins Selbst, der offenlegte: Auch du bist so. Versteckt, aber wahr.

Vorbei ging nicht die Geschichte, die “sterbende Oma” am Bett erzählte, davon, wie sie mit 4 Jahren von ihrer Mutter, meiner Urgroßmutter, im Winter vor die Tür gestellt wurde, weil ein Mann da war. Dass sie, “sterbende Oma”, von da an, von besorgten Nachbarn initiiert, die kommenden 11 Jahre in Heimen und Pflegefamilien, vielfach missbraucht, verbrachte und an ihren damals (10 Tage ist’s schon her) vom sogedachten Todesbett aus gesprochenen Wort: “Sie war, wer sie war; sie war eine Bedienung”. Also habe ich nicht nur zum ersten Mal Zeit mit meinem Vater im Supermarkt verbracht (für deren Resultat selbstverständlich finanziell seine aktuelle Freundin aufkam), sondern auch zum ersten Mal wahrhaft gehört: die Urgroßmutter war Prostituierte. Hatte vier Kinder, war fünf Mal verheiratet; keines der Kinder von einem der Männer, mit denen sie die Ehe schloss.

Von nichts kommt nichts.  Väterlicherseits.

All dies hat seine innere Logik. Ich hörte Jim Fallon darüber sprechen, wie er seine eigene Hirnstruktur bildgebend präsentiert bekommen hatte, berechnete neu das Zusammentreffen mit dem letzten Partner, sah dessen frontotemporalen Cortex und seine neu therapierte Amygdala vor mir, merkte, dass mein Kind entweder auf einem Autismus-Spektrum existiert oder selbst schon narzisstisch geprägt ist, versuchte, viel Augen- und Körperkontakt mit selbigem herzustellen, las, dass die Verbindung von Mutter und Sohn anders ist, als die Verbindung von Mutter zu Tochter, holte den kleinen Sohn vom Tisch, auf dem er wütend und salatwerfend stand, sprach darüber, was geschehen würde, wenn das neue Kind von Vaters (Vaters der Kinder) Seite geboren werden würde.

Der errechnete Geburtstermin fällt mit dem Geburtstag dieses meinen, unseren Kindes zusammen. So wie der erste Sohn geboren wurde am Todestag des Uropas. Nutzlose, bedeutungslose Zahlensymmetrie, die doch familiäre Projektionen aufnimmt und irgendwie eine Geschichte erstellt; Narration, die in Kindesohren hängenbleibt und Echos wirft.

Damals war das so.

Und so.

So kam all das. Wisst ihr noch, als Onkel soundso seine Leber damals an die Wand spuckte. Wisst ihr noch, wie – von Mutters Seite aus – die Überlebenskünstler, die Schauspieler, die Alleinunterhalter, die Maler und Kabarettisten in den Zeitungen standen. Wie wir alle in Zeitungen standen, unsere Erfolge, generationell immer anwesend, sich vermehrten. Und die Misserfolge.

So seid ihr geworden, so wurde ich, so wurden die Väter der Väter und die Mütter der Mütter. So sind wir alle.

So haben wir eine Familie, die sich weit über die genetische, blutsverwandte Familie erstreckt und die uns sagen kann: Du bist nicht allein: wir sind überall.

Und was machte all das. Noise von fernen Stimmen. Unerkanntes, unbekanntes Raunen aus Lautsprechern.

Was wollt ihr sagen? Was entscheidest du dich, zu hören. Hier und heute, erfinde dein Narrativ. Neu und doch bekannt. Kinderohren. Was gibst du weiter?

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