In mir ist Stau. Fight Blub am Fahrbahnrand von Therapieschritt #1. Warnung: Sie betreten strukturloses Land.

Am Ende hab ich für eine Therapie und einen Therapeuten entschieden und gehe da nun seit einer Weile schon hin. Ich glaube, jetzt geschieht die erste therapierelevante Entwicklung und womöglich heißt sie “Einlassen”. Es ist nicht schön und die emotionale Instabilität wird nicht weniger, sondern mehr. Deutlicher, lauter, artikulierter, wie auch die Angst vor dem Aufgeben der Entlastungsmechanismen und dem Ansehen der Wahrheiten, die aus mir gemacht haben, was ich bin und der Wahrheit, die heißt, dass nur ich das hier und heute ändern kann. Es ist die Beschäftigung mit den Geschichten, die die Eltern mir gegenseitig übereinander und über mich erzählt haben und die ständige Vorsicht und Frage, was von diesen Erinnerungen und Überstülpungen stimmt und was sie heißen und wo ich darin jemals vorkam, als etwas anderes als deren Marionette. Denn ich bin, was immer du sagst, ich bin, denn warum würdest du sonst sagen, ich bin’s?

Und eure Projektionen haben mich in diesem Meer aus Selbstfetzen zurückgelassen: ohne Halt, ohne Blick, ein Lumpenwickel aus falschen Zuschreibungen und zusammengeklauten Eigenschaftskopien.

Und ich arbeite langsam darauf hin, ordentlich zu machen und zu kategorisieren, was ich nicht verstehe. Und so fühlt sich das manchmal an:

Ich will jemand anderer sein. Ich will nicht ich sein.

Ich mag mich nicht.

Ich hasse mich.

Ich hasse meine Haare, meine Beine, meinen Bauch, meine Füße, meine Arme, meine Schultern, meine Nase, mein Kinn, mein Profil, meine Zähne, meinen Rücken, meine Haut, alle Schwabbel und Falten, alle Hubbel und Dellen, alle Flecken und Streifen.

Diesen ganzen Körpermantel, der “mir” von der Materie übergeworfen wurde.

Ich hasse die Materie, den Staub, die Krümel, die Unordnung der Dinge, das Fleisch.

Ich hasse die Jämmerlichkeit, das ewige Kreisen ums eigene Leid, das Aufstellen eines Märtyrereigenabbildes auf Sockeln, das Anbeten und Verirren in der Beschäftigung mit den Labyrinthen, den selbstgerechten Sarkasmus, die innere Abgeschlossenheit dieses Systems, in das keine Welt mehr eindringt oder die bedingungsfreie, plötzliche Offenheit dieses Systems, das keine Grenzen mehr hat und von Welt überflutet wird.

Um Welt dann nach den eigenen, scheinbar identitätslosen, aber doch so zentral um sich selbts gebauten Kategorien zu ordnen.

Wir haben nicht keine Identität. Wir nehmen uns viel zu ernst.

Und dann nehmen wir uns nicht ernst genug. Das, was unser “echtes Ich” sein soll, das wir pflegen sollen. Mit dem wir befreundet sein sollen.

Ich bin alle diese. Jeder davon. Ich bin auch die Monster. Ich bin der Hass, ich bin Jacks Galle. Ich will abstürzen, ich will in den Straßen aufwachen, an den dunklen Orten suchen, den Rausch des Loslassens zulassen, den letzten Krieg mit mir selbst verlieren, dir deine Rippen brechen und mir meine von dir brechen lassen.

Ich will existieren.

Das Plappern ohne Handeln, das GEnörgel. Die Handlungsunfähigkeit, das Feststecken, den Stau. Das Anschwellen, das Fluten, das Drängen.

Versuche von Loslassen und Umstrukturierung. Vielleicht funktioniert deine Therapie. Vielleicht denkst du, sie will dir etwas nehmen. Dich offener und leerer zurücklassen ohne Hilfe, ohne Anker, ohne Dysfunktionalitäten. Aber was darunter herauskommt ist nicht schön. Es ist Hass.

Und was soll geschehen, wenn du diesen nicht mehr auf dich selbst anwendest, sondern auf die Welt? Die Regel war: bevor du die Eltern zerstörst, also das Idealbild der Eltern in deinem Kopf, das du brauchtest, würdest du dir eher selbst den Schädel aufbrechen und mit offenem Gehirn gegen Bäume rennen. Oder auf Mauern stehen. Vor Busse laufen. Besser so, als dass du dir dies Schlamassel wirklich ansehen müsstest, das dein Leben war.

Jetzt nimmst du dir selbst Stück für Stück davon: du baust ab.

Schaffst du es, umzubauen? Was heißt das: radikale Akzeptanz?

Was heißt das: nein, du isst jetzt nicht. Nein, du rauchst jetzt nicht. Nein, du trinkst jetzt nicht. Aber auch: Nein, du läufst jetzt nicht. Keinen Tee, keine beschwichtigende Selbstsorgephalanx, keine laute Musik. Nein, du schaust dem Hass in dir zu und weinst. Was heißt das? Du trauerst. Was dir geschehen ist. Wie es war.

Aber was dann? Wie oft? Jedes Mal? Wie lange noch?

Und wenn Es nicht will, obwohl du doch willst: wie oft dissoziiert Es dich davon weg?

Dein Traum heute Nacht: Menschen in Eierschalen, jeder eine eigene, Öffnung vorderhand, kugelig, spielplatzhaft. Du standest gegenüber. Knall: Kurzschluss auf der ganzen WElt, Stromausfall. Du sagtest: “Geh und mach die Sicherung wieder rein”. Er sagte: “Nein.” Du sagtest: “Soll ich mal zu euch nach Hause kommen und den Strom abstellen? Wie fändest du das?” Er sagte: “Kannst du nicht. Du weißt nicht wie.” Nur er weiß wie, wenn er bei dir zu Besuch ist. Aber du weißt nichts.

Du hast keine Macht über nichts und keine Hülle.

Wo wohnst du?

—-

Warum? Woher? Die Störung bildet sich, um das Kind zu schützen vor einer tatsächlichen oder so wahrgenommenen bösartigen Umwelt. Was heißt das? Wer war wo wann und wie meine bösartige Umwelt? Reicht dies:

dass bei jeder Regung, die du zeigstest, jeder Grenzsetzung, die deren Wünschen entgegen ging: dass sie mit Hass, Vorwurf, Gemeinheit, dem Kleinmachen deiner Person, dem Benennen deiner Fehler und Schwächen, dem Umdrehen der Schuld, dem schnaubenden, wütenden Türenschlagen reagieren? Dass sie auch bei Gelegenheiten, in denen augenscheinlicher Friede herrscht, die Sätze einwerfen, wie nebenbei, das ständige und ausnahmslose Sprechen über Nahrung, Krankheit und deine Fehler und Mängel in unvorhersehbaren Rythmen. Ist das schon genug? Und die falschen, dies wahrscheinlich kompensieren sollenden Rückspiegelungen: die Genialisierung, das Fördern einer schiefen Anspruchshaltung, die narzisstische Übertreibung? Du (ich) kannst alles, was ich (die Mutter) nicht kann.

Aber reicht das schon?

Es war das und trotzdem irgendwie noch mehr: es war die ständige elterliche Verwirrung deiner Welt, das immerwährende Verhindern einer (deiner!) selbst entwickelten Perspektive, das als Schatz getarnte Double Bind, das Rätsel, das Locken zum Zweck der Entlastung DERER imaginierten Schuldigkeiten, Einsamkeiten, eure parentale Schnitzeljagd: finde mich, mein lieb’ Kind, und rette mich durch dein Angesicht vor mir selbst. Dir sag ich, was ich mir selbst nicht sagen kann, du Zeuge meines Wenigsten, meines KLeinsten, meines Schamhaftesten. Denn du, lieb’ Kind bist mein und meine Marionette sollst du sein, denn lieben musst du mich und davonlaufen kannst du nicht. Nein, dir kann ich alles sagen. Mein Sonntagsleib, du Wunschkind, endlich Spiegelungsfläche für all mein Wirrsein. Wie schön, dass du geboren bist. Wir hätten dich sonst sehr vermisst.

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