Kuschelgruppe: ein Selbstversuch.

Ich war bei einer Kuschelgruppe.

Das ist so schräg, wie es klingt und ich habe noch keine eindeutige Meinung dazu – aber therapiekonsistent bin ich brav und mache Pros und Kontras.

Wie erwartet, waren da eher seltsame Menschen mit Altersdurchschnitt mindestens 15 Jahre über meinem Alter. Manchen konnte man ihre soziale Unverträglichkeit gleich ansehen. Kasper mit Ticks, Wirrheiten. Eine Frau schob eine Bugwelle narzissistischen “Ich-Zuersts” vor sich her. Ein junger Mann mit ausdruckslosem Gesicht, vermutlich essgestört mit soziopathischer Tendenz. Abgehängte, “deplorables”, Menschen, die sich zu wenig um sich selbst kümmern und andere, die es zur Genüge tun. Lüstern umherglotzendes Schiefgesicht, Ausdruckstanz-Gabi, Thailand-Räucherstäbchen-Schönheit, Esotante und Eso-onkel mit ihrem stets dahingemurmelten “Mhm, ja”, das Verständnis für den schlimmen Stress der Anderen ausdrücken soll. Zum Beispiel wenn Bugwellen-Frau sich beschwert, sie käme mit eher angespannten Gefühlen heute, weil ihre “Freundin” ihr gesagt habe, sie streichle deren Katze falsch. “Mhm, ja”, im gefühlvoll übertonten Murmeln des Eso-Onkels, meinem Sitznachbarn. Der auch nach jeder Berührung die Hände ausschüttelt, wegen energetischem Transfer nämlich. Schamanischer Heiler; in seinem Kopf. Mit viel, viel Verständnis für Bugwellenfraus Katzenstreichelkränkung.

Mich gruselt. Was tu ich hier? Ich versuche mich zu erinnern, warum ich da bin. Weil ich einsam bin. Weil ich nicht den Ex-Partner anrufen will. Weil ich mich nicht betrinken will. Weil ich nicht betrunken mit anderen betrunkenen Freunden kuscheln will. Weil ich in keinen fremden Betten landen will. Und auch in keinen bekannten. Weil das Geschütz an erzwungenen Selbstsorge-Badewannen mit Kerzenlicht, achtsamem Kochen und wertschätzendem Betrachten der inneren Monster, selbst gepaart mit dem radikal akzeptierenden Aushalten des Mangels in mir einfach nichts schließt. Weil ich nicht durchkomme. Weil ich neulich etwas gestohlen habe, weil ich Freundschaften sexualisiere, weil das Verzweiflungslevel unregulierbar bei tapsigem Flirt mit und Phantasien über befreundete Familienväter einpendelt. Weil ich kurz davor bin, mir 20 Katzen anzuschaffen und nie wieder zu putzen.

Also konzentriere ich mich auf die wenigen ruhigen, gepflegten, freundlich und vernunftbegabt erscheinenden Menschen. Ein sicher attraktiv gewesener Mann mit von Trauer angefüllten Lachfalten, der seine Frau verloren hat. Eine schüchtern aus sich herauslukende, mutig und verletztlich erscheinende Frau. Der zweite jüngere Mann, weiß Gott, warum er da ist; attraktiv und zumindest auf den ersten Blick nicht gestört.

Und dann passiert plötzlich etwas. Meine Mauer fällt. Ich stelle mir vor, diese Menschen zu berühren. Und die Erkenntnis, die hinter der Mauer wartet, ist: Diese Menschen sind einfach alle Menschen. Sympathien und Antipathien hin oder her. Sie sind Menschen. Sie verdienen alle Liebe.

Ich setze mich aufs Pause-Sofa und weine ein bisschen. Für die, für mich, für alle (Dazu bitte pathethisch “Ich öffne mich” von Tocotronic denken).

Dann wird gekuschelt. Das ist gar nicht schlecht. Ich lande mit dem jungen, attraktiven Mann und Thailand-Räucherstäbchen-Schönheit in einem Primärknoten, an den sich immer wieder wechselnde Menschen anschließen, irgendwie Hände von irgendwo und es ist schön.

Nach 90 Minuten bin ich verzaubert, verkuschelt, entkomme dem neuen Kuschelfreund auch bei der Nachbesprechung nicht ganz, er will dann noch meine Nummer, ich verabschiede mich vom Lachfaltenmann, dem ich in einer, zumindest von mir imaginierten Vater-Tochter-Situation in die Hand gestreichelt habe, was er verdient: Liebe. Verabschiede mich von Herausluk-Frau, die in der Nachbesprechung noch sagte, das seien in ihrem Leben die ersten echten Berührungen gewesen und es sei für sie unfassbar, dass mehrere Männer sie angefasst hätten, aber keiner davon ihr wehgetan habe. Ich sage ihr, dass ich sie mag und dass sie schöne Haare hat. Soziopath Essgestört ist weg. Er ist gegangen, nachdem ich in einer Einführungsrunde als Einzige – denn kalte, zu rettende Männer sind ja Beuteschema – versucht habe, ihn mit meiner Liebe aufzuweichen und geschmeidiger zu machen und nachdem er dann später in Primärknoten triangulierte Schönheit/ich/neuerKuschelfreund durch kindlich raues Wegnehmen und Einfordern meiner Hand eindringen wollte und ich die Hand wegzog aus diesem gruselig und tragisch kalten Griff, der durch keine Liebe der Welt mehr zu retten ist. Oder zumindest nicht mehr durch meine. Nie wieder Rettungsphantasien erliegen.

Verabschiede mich, mein Körper schüttelt sich mehrmals wie ein nasser Hund.

Beim Treffen mit gutem Freund, das ich in der Hoffnung auf diesen Termin gelegt habe,  der sich an ihm in der Vergangenheit manifestiert habende Kuschelmangel möge so ausgeglichen sein und er verschont bleiben, trinken wir plötzlich trotzdem Biere bis sechs Uhr morgens.

Der nächste Tag fühlt sich schlimmer an, als ein Crack-Kater. Das Kuscheln hinterlässt eine Offenheit, in die hinein die Erinnerungen der Liebe zum Expartner schmerzhaft ragen. Und diese ganzen Menschen sind in mich eingedrungen: ihre Seelen bevölkern mich unangenehm, ich fühle mich vergewaltigt. Kuschelfreund Attraktiv sendet ein Sex-Angebot per SMS, ich kapiere endlich, warum er da war.

Es mag ein angenehmer Rausch gewesen sein, aber es gibt gute Gründe, warum man nicht mit jedem kuschelt. Es ist zuviel.

Jeder Mensch verdient Liebe. Aber Streicheln ist nur dann Liebe, wenn Vertrauen da ist. Und das kann man nur rauschhaft simulieren in 2 Stunden. Das ist nicht echte Begegnung und es ist sicher! nicht absichtslos, wie die Kuschelregeln es vorschreiben.

Dann vielleicht doch wieder lieber in bekannten Betten landen, die im Besitz schöner, kluger, narzisstisch und anders gestörter Männer sind.

Oder?

Oder die Sache mit der radikalen Akzeptanz noch mal ernst nehmen.

Aber wie lang soll man den Mangel denn aushalten, bis er zuwächst?

Ich glaube nicht, dass er zuwächst. Und ich kann mir angenehmere masochistische Szenarien ausdenken, als mich ein Leben lang mit diesem Hüllenloch zu quälen. Aber ich versuche es.

Erinnere dich: keine Ausweichbewegungen.

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