Allein mit dem Monster.

Als Single funktioniere ich nicht gut. Meine Weltverankerung liegt immer in einem Gegenüber. Ich höre mich nicht gut ohne ein Gegenüber. Ich war 12 Jahre in zwei Beziehungen und bin jetzt seit ungefähr vier Monaten allein. Wie in einer spiralförmigen Bewegung trudele ich aus dem Gleichgewicht. Ich habe Löcher in meiner Liebeshülle und suche überall auf tapsige und ungraziöse Art nach Pflastern. Die Idee nach der Trennung und die Motivation diesen Blog zu schreiben war: zu versuchen, auf dem guten Weg zu bleiben. Keine Ausweichbewegungen zu machen. Den Schmerz auszuhalten. Aber eben nicht nur den vorrübergehenden Schmerz eines Beziehungsendes, sondern denjenigen, der daher kommt, dass ich ich bin. Und es mit mir aushalten muss. Tag für Tag. Und keine Ausweichbewegungen, das heißt akut vor allem: nicht betrinken. Freundschaften nicht sexualisieren. Andere Menschen nicht als Zufuhrautomaten benutzen, sondern versuchen, sie als Menschen wahrzunehmen und zu würdigen. Das heißt auch: akzeptieren, dass die Situation in der ich bin wirklich blöd ist. Auf allen Seiten. Und dass es ganz verständlich ist, dass ich mich so fühle. Und lernen, mich zu trösten. Mir selbst das Pflaster zu sein.

Manchmal klappt das.

Manchmal nicht.

Das Monster brüllt und randaliert. Es will etwas. Jetzt. Sofort. Es denkt, es stirbt. Es fällt, es stürzt, es schwindelt, es findet keinen Boden. Es braucht hier und jetzt eine Zufuhr, ein Halten, ein Kuscheln, ein Echo, ein Feedback, eine Ansprache. Es weiß nicht wie und woher. Es findet keinen Weg. Wo ist der Weg? Es beginnt Spiele zu spielen, es wird düster, es wird zynisch. Es will verführen, es will verführt werden. Ab vom Weg.

Du musst dein Freund sein. Nicht dein Feind. Du musst gut zu dir sein. Such nicht an den dunklen Orten. Es ist nicht wahr, dass Gewalt besser ist, als kein Kontakt. Sei dir selbst dein Weltkontakt. Finde ihn wieder, stell ihn neu her. Verhalte dich wie jemand, vor dem du Respekt hättest.

Und sei nicht so streng mit dir, wenn du dennoch über die Stränge schlägst. Du kannst nicht jeden Tag gegen das Monster gewinnen.

Und erinnere dich daran, wie du dich jetzt fühltest, an einem Tag nach einer Nacht, in der du an den falschen Orten gesucht hast. Du fragst dich: wieso nicht einfach diese Krankheit ausleben? Wieso nicht an diesem dunklen Ort, der sich so heimisch und wohlig anfühlt, der sich anfühlt, wie das zu Hause, das du kennst: wieso nicht dort erlauben, derjenige zu sein, der du nun mal bist. Wieso kämpfen jeden Tag? Diesen unendlich anstrengenden Kampf führen gegen das Monster in dir. Lass es gewähren. Lass es nehmen, was es braucht. Das denkst du.

Aber erinnere dich: wie du dich auch fühltest, an diesem Tag: dass du wusstest, dass du verlierst. Dass du keine Würde fühlst. Dass du weißt, dass das zu nichts führt, was echt ist.

Dass es sich aber so echt anfühlt. Dass du aber dahinein projizierst. Dass du denkst, da wäre so etwas wie Liebe, wo aber keine ist. Dass du aber denkst, dass es eine solche ist, eine ferne Nähe. Dass das die einzige Art ist, die du kennst. Dass du nicht weißt und nur erahnen kannst, wie Liebe sich wirklich anfühlt. Dass du nie geliebt wurdest. Dass du nicht wissen kannst, ob dein Gefühl dir das vormacht: dieses imaginiert geteilte Vertrauen zwischen Nahfernmenschen. Dass du mit guter Wahrscheinlichkeit hier, wie dort austauschbar bist und Objekt, dass im Fall des Falles keine Hilfe zu erwarten wäre.

Dass du dir dein Pflaster sein musst. Jetzt. Mama kommt nicht mehr.

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4 thoughts on “Allein mit dem Monster.

    1. Hallo Julia,

      danke. Habe genau diesen Blogeintrag von dir vorher gelesen und das mit dem freien Fall und dem Aushalten des freien Falls sehr gut verstanden. 🙂

      Ich bin mir nicht ganz darüber im Klaren, was hochsensible Menschen von emotional instabilen genau trennt, aber ich vermute, dass die emotional instabilen zu größerer Prozentzahl als “Normale” hochsensibel sind. Kann aber auch täuschen.

      Dir ebenfalls alles Gute.

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      1. Ich benutze den Begriff, weil er in der Diagnose für die emotional instabile Persönlichkeitsstörung (a.k.a. Borderline) gebraucht wird. Darin ist, glaube ich, gemeint, dass ein Mensch mit dieser Störung keinen kontinuierlichen Selbstbezug hat, sondern schnell von einem Gefühlsextrem und den daraus resultierenden Handlungen in ein anderes gerät, ohne das gut regulieren zu können und sozusagen wie auf einer Wippe exisitert, die jederzeit plötzlich in eine andere Richtung ausschlagen kann, auch wenn es nicht begründet ist. Insofern also vielleicht nicht “keine Kontrolle”, sondern unangemessene Reaktionen auf Situationen – zumindest aus Sicht von Menschen mit vorhandenem Selbstbezug. In sich sieht das hingegen sehr logisch aus, dass man brüllend und heulend am Boden liegen muss, weil ein Glas am falschen Platz stand 😀
        Abgrenzung zu den wahren Gefühlen: kann ich nicht beurteilen. Habe meist keinen Zugang zu denen.
        Ist zur Hälfte ein Witz, aber auch wahr.

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