2016, 2017, 2018, 1983.

Hey, neues Jahr!

Was machst du da?

Rückblick 2016: nein.

Rückblick 1983: Bestellt und nich abgeholt.

Von zwei im Liebeswahn gefangenen Irren geboren: warum? Wozu? Mir wurde viele Jahre erzählt, dass ich ein Sonntagskind war. Also am Sonntag geboren. Also ein Wunschkind. So derb gewünscht, aus dem Universum bestellt. Aber wohl aus falschen Gründen.

Erst ging der Vater, dann war ich allein mit einer irgendwie persönlichkeitsgestörten Mutter. Ich habe ihr vom Taschengeld auf dem Heimweg von der Grundschule oft eine  rote Rose gekauft. Als Entschuldigung für mein Dasein. Sie lag manchmal im Bett, sagte: „Ruf mir den Krankenwagen, ich sterbe.“ Aber sie hatte keine Krankheit wie Krebs oder eine gefährliche Allergie. Oder auch: meine Mutter steht da in der Küche und kocht, alles ist gut. Als ich kurz später wieder hinsehe, liegt sie am Boden und reißt sich Haare aus.

Subtile Destabilisierung meines Selbstwertgefühls à la gestörte Mutter 2017: bei der Geburtstagsfeier ins Wort fallen, wo es geht, wenn ich mit Gästen spreche. Nebenbei: ach, wo ist eigentlich Gegenstand xy? Hast du wohl kaputt gemacht. Sie bringt ein Geschenk mit. Es ist eigentlich schön. Leider ist es nicht ganz fertig und sie nimmt es wieder mit. Wie alle Geschenke: oh, ah, das ist wohl zwei Nummern zu groß oder zu klein? Naja. Schade. Ach, das ist erst ab 16, aber du bist 7? Naja, schade. Geschenke, die keine sind. Die einen mit dem Gefühl zurücklassen, irgendwie nicht zu passen.

Und 33 Jahre lang habe ich nicht gesehen: nicht ich passe nicht. Sondern die Dinge, die sie gibt, die passen nicht.

Abschlussball des Tanzkurses. Wir gehen kein Kleid kaufen. Sie gibt mir ihren roten Samtrock, in dem sie meinen Vater einst geheiratet hat (?!). Aber nicht nur das: er passt nicht. Aber sie sagt: das sieht wunderbar aus. Das ist eine Ehre für dich. Und ich tanze den Abschlussball in einem Rock, der rutscht und bin statt einem Mädchen eine Kartoffel. Ich wünsche mir einen Füller zu Weihnachten. Einen guten Füller, um Briefe zu schreiben. Sie schenkt mir Bücher, die sie selbst lesen will und die nach einer Woche in ihrem Schrank stehen und sagt: Weißt du, einen guten, teuren Füller kriegst du dann, wenn du das auch verantwortungsvoll handhaben kannst. Ich bin 23.

Danke 2016: für das grausamste Beziehungsende, durch das ich erst herausgefunden habe, was eigentlich in diesem Leben und mit dieser Mutter los ist. Danke 2016 für Stunden Therapie und Weinen, für den absoluten Zusammenbruch und das absolute Weitermachen. 2016, du hast mich an einem Nullpunkt aufgehoben. Du hast zu mir gesagt: Du wirst immer die Auswirkungen dieser Erziehung tragen. Aber du musst die Geschichte dennoch nicht in alle Ewigkeit wiederholen.

Und jetzt dann in diese hoffnungsvollen Gedanken hinein, verwickelt sich ein Trick. Beispiel der Übernahme meines Ich durch die Annektion ans Begehren der Mutter:

Ich denke: auf geradem Weg zu bewegen, das heißt ungefähr: fähig werden, einen Nahkontakt einzugehen, der nicht die Schiefheit meines Aufwachsens nachspielt. Einen Nahkontakt, in dem Vertrauen möglich und gerechtfertigt ist. Und dahinein schleicht sich ein idealisiertes, ganz klar artikuliertes Bild von Familie: es müsste wohl bedeuten, mit einem Schreiner zusammen zu leben.

Schreiner? Wieso Schreiner? Na, weil bodenständig, vertrauenswürdig, materieverankert, weltseitig, sichere, starke Hände, er weiß, was er tut, zuverlässig. Aber gib Acht! Woher kommt das? Es ist nicht dein Wunsch und Begehren, es ist eine Rationalisierung eines kopierten Begehrens der Mutter – die intrigenspinnend in den Mann der besten Freundin verliebt gewesen war, der von Beruf, ja, was, zufällig Schreiner war und die deinen Vater, womöglich deshalb, dazu brachte, ein Bett zu schreinern, wobei Letzterer aus Gründen der Inkompetenz eine Fingerkuppe verlor und kurz darauf auszog.

Ja. Das ist, als würdest du noch daran glauben, dass eines Tages ein Prinz – präferabel derjenige, dem die schöne Insel Mainau gehört – dich heiraten wird und du mit ihm ever after in von Blumen umgebenen Schlössern residieren wirst, was die Geschichte ist, die deine Großmutter immer erzählte.

2017: gib mir eigene Träume. Ok?

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