Die neurotische Tagesrechnung: Wie man aus einer schrulligen Mücke einen emotional instabilen Elefanten macht

Ich zähle jeden Tag die guten und die schlechten Dinge.

Manchmal vergesse ich es und das heißt: ich tue es nicht bewusst. Dann schlägt sich das Ergebnis nur auf meine Stimmung nieder, ohne dass ich wüsste, warum. Beispiel:

Ungeduld in der Kindererziehung: – 1

Gesunde, gute Nahrung produziert: + 2

Auf einen Anruf oder eine Nachricht gewartet und obsessiv aufs Telefon geschaut: – 3

ist gleich 0. Wenn ich diese Rechnung nicht verbalisiere und sie einfach in mir stattfindet, bedeutet 0 ein steigendes Level an Misanthropie. Dann finde ich die Nachbarn unmöglich, Menschen im Allgemeinen hässlich, unartikuliert und unvorteilhaft gekleidet – mich selbst inbegriffen.

Manchmal aber verwechsle ich beim stummen Rechnen gute und schlechte Dinge. Dann schlägt sich das Ergebnis deutlicher und pathologischer nieder. Beispiel:

Ein Telefonat mit dem Expartner lindert Verlustängste: + 12 (in Wirklichkeit – 5)

Ich trinke während des Gesprächs ein Glas Whisky auf dem Balkon, während die Kinder drinnen allein spielen: – 3 (in Wirklichkeit – 7)

Das Ergebnis ist ein mit wirrer Hoffnung geschwängertes imaginiertes „9“, während es nüchtern betrachtet – 12 beträgt. Das wirkt sich folgendermaßen aus: Das imaginierte Plus führt zu einer verdrehten und aufgedrehten Hochstimmung, manischer Wahnsinn. Die latente Ahnung, dass dabei irgendwas nicht stimmt führt gleichzeitig zu einem leichten dissoziativen Zustand. Mehrere Tage später wird die Situation neu berechnet und produziert dann Scham und Reue: gefühlte – 26, statt der realistätsangemessenen – 12.

Oder aber: Ich rechne bewusst. Dann werden meist kleinere Einheiten verrechnet, die dann zu Gefühlen führen, die aber nicht – wie oben – abgespaltet werden müssen, sondern sehr stark gefühlt werden können. Beispiel:

Zucker konsumiert: – 2

Kinder hatten Bildschirmzeit: – 1

Ich hatte Bildschirmzeit, obwohl ich hätte arbeiten müssen: – 2

Zeit im Internet vergeudet: – 1

Kein Yoga gemacht: – 1

Diese Rechnung kennt in meinem Kopf nur Minus. Und sie wird lauter, je mehr Minus sich an einem Tag ansammelt. Ich kann sie nur stoppen, indem ich sie beobachte und dann handle. Das führt zum Beispiel zu spontanem Aufspringen, um Joggen zu gehen. Oder zu enthusiastischem Wäscheaufhängen mit dem Versuch, den Geist auf die Realität hin zu orientieren. Mit Glück beginnt dann eine weltnahe Phase und ich mache laute Musik an, putze die Küche, räume auf, wische Staub, versuche an der Arbeit zu schreiben.

Mit Pech allerdings wird die Rechnung einfach nur lauter:

Minus 1 weil die Rechnung immer lauter wird und ich deshalb eine Zigarette geraucht habe.

Minus 1 weil ich nicht aufhören kann, zu rechnen.

Wie zur Hölle soll ich schlafen/in Ruhe arbeiten/etwas Sinnvolles tun bei -9?

Minus 1 weil ich mich nicht beruhigen kann.

Minus 1 für das aufkeimende Gefühl von Kontrollverlust und Panik.

Mit – 11, sollte ich da eigentlich überhaupt noch am Leben sein?

Minus 11 mal 2 wegen Suizidgedanken.

Ich glaube, dass viele emotional instabile Menschen sich bei dieser Art – 22 selbst verletzen, um aus der Rechnung herauszukommen. Ich stelle mir vor, dass durch die Selbstverletzung die Rechnung wieder auf 0 gestellt werden kann, zumindest kurzfristig – bis dieses Verhalten selbst in die Rechnung eingespeist wird.

Da ich Selbstverletzung nicht mag und mir Druckerleichterung durch Konsum von Drogen und Alkohol, wie auch Binge-Eating/Spucken mit ganz guter Erfolgsquote seit 10 Jahren verboten habe, bleibt mir nur der Ausweg durch Yoga/Joggen/Spazierengehen oder Gespräche – die Telefonseelsorgemenschen kennen mich schon ganz gut . Manchmal ist der Kopf aber schon zu verdreht für eine gesunde Intervention.

Dann versucht mein Kopf, den Druck durch dissoziative Zustände zu schwächen. Meistens sind diese so gut kontrollierbar, dass das in Ordnung ist. Der dissoziative Zustand ist dann wie eine Schutzhülle, die mich einfach von weit weg aus beobachtend an meinem Leben teilnehmen lässt. Oder der dissoziative Zustand macht die Wirklichkeit ein bisschen erträglicher, indem er sie in einer Färbung oder mit Auslassungen zu meinem Bewusstsein durchschleust. Oder DBT-Skills. Funktioniert oft gut.

Aber die Rechnung hört nie auf. Und manchmal geht auch was daneben, weil ES eben irgendwo raus aus dem anankastischen Gefängnis muss.

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