Randnotiz zu masochistischen Tendenzen/Alltag als Intensität

Stets wird aber im Trauma Angst erlebt, mit der Folge zum Beispiel von Dissoziationen als Angstentlastung (als gelte die Bedrohung nur dem Körper wie einer leeren Hülle, nicht aber dem Selbst, das sich aus dem Fühlen zurückgezogen hat). (Birger Dulz 1999: 32)

Körper als leere Hülle: organloser Körper.

Das Selbst, das sich aus dem Fühlen zurückgezogen hat: Entpersonalisierung zur Verarbeitung von Trauma. Masochistische Tendenz: Selbstzerstörung zur Ich-Abgabe. In der Ich-Abgabe das Erfahren von einem eigentlicheren Ich: ein selbst-loses Ich ohne Phantasmen. Ursuppe eines Zustandes vor aller Individuation: reine Potenzialität. Zurück vor das Trauma der Selbstwerdung. Alle Möglichkeiten offen.

„Der oK ist das, was übrigbleibt, wenn man alles entfernt hat. Und was man entfernt, ist eben das Phantasma […]. Die Psychoanalyse macht das Gegenteil: sie übersetzt alles in Phantasmen […]“ (Deleuze/Guattari: Tausend Plateaus: 208f.)

Paradoxon: darin selbst im größten Phantasma gefangen: Wiederholung des Traumas. Anknüpfung daran: Versuch, es in homöopathischen Dosen zu reaktivieren.

Wo Phantasmen herkommen: aus der Wirklichkeit des Erlebten. Anstoß kleinster Partikel in der vorindividuellen Ursuppe: Subjektivierung. Dieses Selbst abschaffen. Umbauen.

Oder stattdessen das Bett frisch beziehen, Sport treiben und einen Adventskranz flechten. Alltag, surfend auf organlosem Intensitätsei. Trickse die auf Funktion ausgerichtete und dennoch dysfunktionale Organisation deines Selbst aus durch die Imitation von Routine.

Alltag-Werden.

„Du wirst organisiert, du wirst zum Organismus, du mußt deinen Körper gliedern – sonst bist du nur entartet. Du wirst Signifikant und Signifikat, Interpret und Interpretierter – sonst bist du nur ein armer Irrer. Du wirst Subjekt und als solches fixiert, Äußerungssubjekt, das auf ein Aussagesubjekt reduziert wird – sonst bist du nur ein Penner. Der oK setzt dem Komplex der Schichten die Desartikulation (oder n Artikulationen) als Eigenschaft der Konsistenzebene entgegen, das Experimentieren als Vorgehensweise auf dieser Ebene (keinen Signifikanten, niemals interpretieren), das Nomadentum als Bewegung (bewegt euch, selbst auf der Stelle, hört nicht auf euch zu bewegen, Reisen an Ort und Stelle, Entsubjektivierung). Was bedeutet desartikulieren, aufhören, ein Organismus zu sein? Wie kann man erklären, daß es ganz einfach ist und wir es jeden Tag machen.Und mit der notwendigen Klugheit, der Kunst der Dosierung, und mit der Gefahr, der Überdosis. Man geht nicht mit Hammerschlägen vor, sondern mit einer ganz kleinen Feile. Man erfindet Selbstzerstörung, die man nicht mit dem Todestrieb verwechseln darf. Den Organismus aufzulösen, hat nie bedeutet, sich umzubringen, sondern den Körper für Konnexionen zu öffnen, die ein ganzes Gefüge voraussetzen, Kreisläufe, Konjunktionen, Abstufungen und Schwellen, Übergänge und Intensitätsverteilungen, Territorien und Deterritorialisierungen, die wie von einem Landvermesser vermessen werden. Letzten Endes ist es nicht schwieriger, den Organismus zu demontieren als die anderen Schichten, Signifikanz oder Subjektivierung. Die Signifikanz klebt nicht weniger fest an der Seele als der Organismus am Körper, auch sie wird man so leicht nicht los. Und das Subjekt, wie können wir es von den Subjektivierungspunkten lösen, die uns binden und auf eine gegebene Realität festnageln. Das Bewußtsein aus dem Subjekt herausreißen, um daraus ein Forschungsinstrument zu machen, das Unbewußte der Signifikanz und der Interpretation entreißen, um daraus eine echte Produktion zu machen, das sich sicher nicht mehr oder weniger schwierig als den Körper dem Organismus zu entreißen. Klugheit ist die allen dreien gemeinsame Kunst; wenn man den Organismus demontiert und dabei manchmal mit dem Tod spielt, indem man der Signifikanz und der Unterwerfung ausweicht, dann spielt man mit der Falschheit, der Illusion, der Halluzination, dem psychischen Tod. […] Man muss genügend Organismus bewahren, damit er sich bei jeder Morgendämmerung neu gestalten kann; und man braucht kleine Vorräte an Signifikanz und Interpretation, man muß auf sie aufpassen, auch um sie ihrem eigenen System entgegenzusetzen, wenn die Umstände es verlangen, wenn Dinge, Personen oder sogar Situationen euch dazu zwingen; und man braucht kleine Rationen von Subjektivität, man muß so viel davon aufheben, daß man auf die herrschende Realität antworten kann.“
(Tausend Pleteaus: 219f.)

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