Sturm im Wasserglas und projektive Identifikation

Erstaunlicherweise, trotz einiger selbstgebauter Hindernisse, noch ins Mineralbad geschafft. Den Sauna-Frauentag zwar irgendwie verpasst, aber glücklicherweise sowohl an zuvielen Phantasien über einen attraktiven, jungen Mann vorbeinavigiert, als auch an einem rundum-Kastrationsschlag gegen all die schnarchenden, starrenden, alten Männer mit verschieden freimütig freigelegten Geschlechtsteilen. Anspannungslevel im gelb-orangenen Bereich.

Nach Dampfbad, heimlichen Blicken, Eisdusche und Abschied der mit anwesenden Freundin, ist es Zeit für die Massage. Anspannungslevel herunterfahren nämlich! Eine ungepflegt wirkende Dame mit Berliner Dialekt holt mich ab und erklärt mir, dass sie, in ihrem Rücken liegender Titanstangen halber, kein Lomi Lomi macht, was ich bereits bezahlt habe, dass aber die tibetische Massage, die sie jetzt dann als Ersatz anbieten würde und die halb so lang ist, was für Leute sei, “bei denen die Seele so richtig am Arsch ist.”

Ich denke: “?!” Die habens echt kapiert mit Ambiente und Personalmanagement. Das denke ich auch, als ihre manikürten 2 cm überstehenden Plastikfingernägel bei der nicht bestellten Massage bewegungsbegleitend über die Liege kratzen. Entspannung für wenn die Seele so richtig am Arsch ist halt.

Naja. Ausruhen. Lass los. Anspannungslevel steigt aber fröhlich zu Wellnessgedüdel und unrythmischem Massage-Nagelkratzen an, orange-rot. Ein paar Spannungsabbautränen, die ich abwechselnd in der Zedernholzsauna und im Ruheraum vergieße, führen dann hin zum Ende dieses wundersamen Wellness-Sonntags.

Beim Umziehen höre ich in den Nebenkabinen ein Gespräch zweier Damen über eine dritte Freundin, über deren Mängel sie sich ausgelassen beschweren. “Du kennst mich ja und ich frag dann halt, aber man kriegt ja auch nix aus ihr raus” “Ja und ihr Typ” und “Ja und du kennst sie ja, sie macht dann halt auch xyz” und so weiter. Wut und Misanthropielevel steigen bei mir weiter, na klar, euch kenn ich aber auch. Als ich angezogen bin, klopfe ich höflich gegen die Kabinenwand und sage: “Entschuldigung, versuchen Sie doch mal was Nettes über die Leute zu sagen.”

Ich stolziere den Gang der Gerechten hinaus, ultrastark. Vor allem natürlich auch, als ich mir den Satz im Auto dann bei der achtsamen Betrachtung meiner eigenen Gedanken noch etwa 788 Mal selbst sagen muss, ja, eingestehen muss, ihn eigentlich nur zur mir selbst gesagt zu haben, wohl schon die ganze Zeit. Verdammt noch mal.

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