Zwei Telefonate/Zwei Worte

“Guten Morgen. Ich rufe Sie an.”

“Ja, was kann ich denn für Sie tun?”

“Dissoziativer Zustand gerade. Möchte zu meinem Partner, äh, Ex-Partner rüber gehen und an seiner Tür klingeln. Denke mir so, nun hab ich seinen Wahnsinn zwei Jahre getragen, nun ist er dran. Ist mir nichts schuldig, ich weiß. Aber das war der Deal doch. Füreinander da sein, einer bleibt immer Kapitän, wenn es dem anderen den Vogel raushaut. Und er liebt mich ja. HAHA. Ja, sehen Sie, das ist ein dissoziativer Zustand. Ich erklär Ihnen das mal: Phantasie und Realität verschwimmen auf eine Weise in meiner Wahrnehmung miteinander, dass ich dabei zusehen kann, wie ich mir die Welt so hinbaue, dass es aussieht, als wäre es ok, wenn ich jetzt hinginge und klingelte. Den Wunsch als Wahrheit sich selbst vorgespielt. Trennungstrauma Familienmotto: Verlassen werden heißt, dass wir denken, dass wir sterben.

Ja. Ich weiß, dass man von Gefühlen nicht sterben kann.

Wie oft haben Sie denn als Kind Ihrer Mutter den Krankenwagen gerufen, weil sie sagt: Ich sterbe?

Ja. Nein, ich kann nicht mit Ihnen heute Nachmittag in die Kunsthalle fahren, da haben Sie recht.”

Ernsthaft? Er sagt es drei Mal, das mit der Kunsthalle. Ich weiß nicht genau, was er mir mitteilen will: dass er mit seinem Freund in die Kunsthalle fährt, dass, wenn wir in der selben Stadt leben würden, die beiden mich einfach mitnehmen würden. Und auch: dass sie bei der Seelsorge ja den Grundsatz haben, keine persönlichen Kontakte, das sei ganz wichtig. Und dann wieder: “Dann könnten Herbert und ich Sie mitnehmen. Wo wohnen Sie eigentlich, wenn ich fragen darf.”

Mir wird eisig, aber ich sage “Im Süden”. Ich sage nicht: Was zum Teufel? Spiegelt er meinen dissoziativen Zustand? Ist er ein perverser Telefonseelsorgemasturbator? Versteh ich einfach Kommunikation nicht?

Aber immerhin. Er hat mir eine Geschichte erzählt: Er möchte mir 5 Buchstaben in zwei Worten mitgeben, nämlich: “Na und?!” Ich soll das Leben spielerisch sehen.

Und: er möchte mir Flügel schenken. Und dann würde er einen warmen Wind senden und ich würde davon fliegen.

Ok. Am Ende hatten wir dann die Geschäftsidee einer Internetplattform, auf der man aktuell suizidgefährdete Menschen in seiner Stadt finden und treffen kann. So: geil, zu zweit blutet sich’s besser.

Ich lege auf.

Ich wähle neu.

“Ja, Guten Morgen. Ich bin nachher in Ihrem Mineralbad und wollte fragen, ob Sie denn vielleicht noch einen Termin zur Massage frei hätten heute?”

Sie hat. Ich flöte im strahlendesten Ton “Ja, prima, ich freu mich, bis nachher dann!”

Auf dem Weg zum Bad verfahre ich mich ein bisschen und komme zwei Stunden zu spät, die Bankkarte kann ich nicht finden und ich habe Shampoo und Badeanzug vergessen. Dissoziative Zustände und geographische oder logistische Orientierung passen nicht immer gut zusammen. Mit oder ohne Herbert. Aber: “Na und?!”

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